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Magische Wiesen: Wandern im Allgäu

Wandern im Allgäu auf dem Iseler bei Oberjoch. Foto: Julia Marre

Das Oberallgäu ist eines der beliebtesten Wintersportgebiete Deutschlands. Aber wie ist es dort eigentlich, wenn kein Schnee liegt? Ein Besuch auf dem Haflingerhof im Bergdorf Oberjoch.

Oberjoch. Gemütlich schunkelt die Birke im leichten Abendwind. Mal schnaubt ein Pony auf der Weide. Mal meckert eine Ziege im Gehege. Sonst ist es ruhig auf Deutschlands höchstgelegenem Bauernhof. Sehr ruhig. Nur eines läutet aus der Ferne: kling, klong, kling-kling, klong – das beständige Kuhglockenkonzert. Das Instrumentalstück des Allgäuer Alpviehs ist ebenso inklusive wie der Panoramablick auf die Berge, die vom Ort aus in die Wolken führen. Kein Wunder also, dass der Haflingerhof in Oberjoch mit seinen zehn Ferienwohnungen im Sommer monatelang ausgebucht ist. Umso erstaunlicher nur, dass es trotzdem leise ist. So leise. Es ist der perfekte Ort, um fernab der alltäglichen Hektik mal ganz tief durchzuatmen. Im Allgäu, so scheint es, ist die Ruhe erfunden worden.

Es ist kurz nach 8 Uhr am Morgen. Die Sonne ist schon putzmunter. Auch Martha und Hanna sind es: Mit Frühstück im Bauch und Reitstiefeln an den Füßen laufen sie über den Heuboden. Nur Katharina Peter war schon früher dort. Sie ist auf dem Haflingerhof Mädchen für alles: Reitlehrerin und Kinderanimateurin, Tierpflegerin und Büroangestellte. „Eigentlich bin ich Hotelfachfrau“, sagt sie. „Aber das hier ist wesentlich mehr. Und auch schöner.“

Während die Mädchen den Pferden mit einer Mistgabel Heu servieren, lungert schon ein Schlitzohr auf dem Hof herum, das mindestens genauso aufgeweckt ist. Es ist Rosa, von Beruf störrische Eselstute und um keinen Ausbruchversuch verlegen. An einem der Stehtische vor der urigen Wirtschaft versucht sie ihr Glück. Vielleicht gibt’s hier ja auch Frühstück? Oder Zuneigung für eine alleinstehende Dame? „Guten Morgen, Rosa“, sagt Klaus Rottmair, Inhaber des Wirtshauses auf der Alpe Kematsried, und grinst. Kein Tag vergeht, ohne dass der Esel hier nicht langtrottet und neugierig verweilt. Und kein Tag vergeht, ohne dass Katharina Peter das Tier wieder einfängt. „Sie ist töricht“, sagt Peter und lächelt, während sie Rosa mit einer Karotte ködert. „Sie macht uns alle wahnsinnig.“ Dann streichelt sie liebevoll die hübsche dunkle Eselsdame mit dem glänzenden Fell und klopft ihr auf den Rücken, dass es nur so staubt. Den Rest des Vormittags verbringt Rosa in ihrer Box. Im Stallarrest.

Ferien auf dem Haflingerhof in Oberjoch sind Ferien mit Rosa. Mal trifft man sie am Hofladen. Mal inspiziert sie die Tischtennisplatte. Mal trabt sie vor einem Pony davon. Hier gibt außer ihr es sechs Pferde, drei Ziegen, zwei Minischweinchen, fünf Kaninchen. Doch nur Rosa scheint überall gleichzeitig zu sein. Um sie herum im Stall ist an diesem Morgen viel los: unaufgeregter Trubel, für den Rosa nicht mal den Kopf hoch an die Gitterstäbe hebt. Die Schweine Sissi und Franz bekommen ihr Frühstück im großen Plastiknapf. Und nicht nur die Fliegen, die um den Po von Haflingerstute Maja kreisen, vermehren sich rasant. Auch die Kinder tun es. Immer mehr gesellen sich dazu, bringen Wassereimer, Trensen und Sattel, helfen beim Striegeln und beim Auskratzen der Hufe. Hanna flicht ihrem Lieblingspferd Maja die Mähne und den Schweif, ehe es zum Reiten geht. Mütter und Väter lehnen am Zaun, sehen zu oder geben Tipps, verabschieden sich zur Radtour oder helfen tatkräftig mit – auch mit Flipflops im Mist.

Katharina Peter ist so etwas wie die Anführerin der reitwütigen Mädchenmeute. Entspannt bringt sie alle Kinder samt einer Zuschauerbank auf die Reitwiese. Spannt für die Mütter einen Sonnenschirm auf. Und übergibt dann die Zügel an die Kinder. Hanna dreht schon auf Maja ihre Runden. Martha schwingt sich auf den kleinen Nemo. Die Mädchen sind das sechste Mal in Folge auf dem Haflingerhof, kommen mit ihren Eltern jeden Sommer aus Dresden hierher. Warum ausgerechnet nach Oberjoch? „Na, weil’s so schön ist“, sagen sie.
Über den Kies auf dem Hof knirschen Fahrrad- und Autoreifen. Der Haflingerhof ist ein 4-Sterne-Bioland-Hof. Im gut besuchten Laden von Kaspar Geiger gibt es frische Rohmilch und Buttermilch zu kaufen – von den zwölf Orchesterkühen, die rings um das Gehöft konzertieren und grasen. Jeden zweiten Tag verarbeiten Geigers die Milch in ihrer Käserei zu drei Sorten: Tilsiter, Knoblauch-Kräuterkäse und Bergkäse. In den hölzernen Regalen stehen außerdem viele regionale Produkte: geräucherter Schinken, Blüten- und Beerenweine, Honig und Schnäpse. Wer eine Brotzeit auf der Terrasse einlegt, kann die herrliche Aussicht genießen. Zu verfolgen, wie sich ein Auto von der gegenüberliegenden Wiedhagalpe über hunderte Höhenmeter seinen Weg ins Tal schlängelt, ist spannend wie ein Actionfilm. Und dann ist da ja noch Rosa, die gerade vom Spielplatz kommt und nun aufmerksam näherkommt – Brote festhalten!

Der 1876 Meter Iseler, Oberjochs Hausberg und im Winter Trainingsort des deutschen Ski-Nachwuchses, verschluckt die wenigen Wolken und Kondensstreifen am Sommerhimmel. Das ganze Jahr über fährt die Iselerbahn, ein 2001 gebauter Sessellift, hoch zur Bergstation. Eine Viertelstunde dauert die Fahrt über 399 Höhenmeter. Sie führt über einen rauschenden Gebirgsbach und dösende Kühe, über grüne Wiesen und schwitzende Wanderer hinweg. Oben gibt’s zur Belohnung den wunderbaren Panoramablick, den Haflingerhof als Miniaturwunderland – und noch mehr Stille. Die Distanz zur winzig-kleinen Welt, die da unten liegt, hat etwas Magisches. Auf gleich fünf verschiedenen Touren können Wanderer wieder hinunter nach Oberjoch gelangen. Die einfachste Route ist der Schmugglersteig für Kleine, der Tirol und Bayern verbindet und auch für ungeübte Wanderer gut in anderthalb Stunden zu spazieren ist. Wilde Margeriten und Glockenblumen blühen entlang der steinigen Pfade, die über Baumwurzeln und hölzerne Treppenstufen herunter ins Tal führen.

Wer das Allgäu von noch einer anderen Seite kennenlernen möchte, der sollte seine Schwimmtasche packen und ins Moor gehen. Dort, zwischen hohen Tannen und matschigem Moos, versteckt sich nämlich das Hochmoorbad von Oberjoch. Hier kann man schwimmen, während Libellen über das Wasser sausen und Waldeidechsen über Kiefernnadeln huschen. Das Wasser im hölzernen Becken ist trüb. Fischchen und Molche drehen ihre Runden zwischen planschenden Kindern und sportlichen Bahnenschwimmern. Von der Moorhütte nebenan wehen einzelne Akkordeon- und Gitarrenklänge der bayerischen Frühschoppenmusik herüber. Das gemütliche Treiben lässt sich von den kleinen Holzinseln auf dem Waldboden aus beobachten. Nur eines gibt es in diesem entschleunigten Badespaß nicht: Besuch von einem Esel.

Zurück auf dem Hof, schnauben die Pferde auf der Reitwiese. Shetlandpony Nemo wird von Katharina longiert; so fühlt sich Martha am sichersten. Kurz vor Mittag gibt es viele Streicheleinheiten für die fleißigen Pferde, eine Pause im Schatten und mehr als nur einen Schluck Wasser für alle. „Und wann reiten wir morgen?“, fragt Hanna schon ganz sehnsüchtig. „Ach, keinen Stress. So zwischen halb neun und zehn“, sagt die Hotelfachfrau in der kurzen Hose. Kein Stress, das ist hier Programm. Und Rosa? Die schlurft gerade im Eselsgang über den Fußballplatz.

Hier geht’s zum Artikel. Der Text ist am 4. Juni 2016 im „Neuen Wochenende“ der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten erschienen.